1 Dazilkree

Philosophischer Essay Platon

Wenn irgendwer sich mit Liebe ausgekannt hat, dann Shakespeare. Er war mit all ihren Spielarten vertraut, von ewiger Treue (Romeo und Julia) über wilde Promiskuität (Venus und Adonis) bis zur entfesselten Eifersucht (Othello). Doch seine schönsten und vor allem persönlichsten Worte über die Liebe finden sich in seinen Sonetten. In diesem Zyklus von 154 Gedichten erzählt er von seinem Liebesleid. Anfangs sieht alles noch ganz rosig aus. Dann jedoch verfällt er, der sich in den Versen "Will" nennt, einer mysteriösen "düsteren Dame" (dark lady). Sie ist nicht schön, sie ist nicht nett, aber er hängt an ihr. Es geht um Missbrauch, Gewalt und schlechten Sex. Er will sich aus der Abhängigkeit von ihr befreien. Doch es gelingt ihm nicht. Er ist ihr verfallen.

Das soll diese Liebe sein, von der all die Popsongs und Schmonzetten schwärmen, um die sich Serien und Reality-Shows drehen und deretwegen so viele Menschen Ratgeber kaufen oder sich auf Dating-Plattformen tummeln? Dann wäre es kein Wunder, dass sie aus der Mode kommt. Glaubt man Umfragen, geht der Trend zur Kurzfristbeziehung: Sex, Spaß und Unverbindlichkeit statt Liebe, Romantik und ewige Treue. Liebe nervt inzwischen sogar ihre lautstärksten Anhänger. Seit Mitte der neunziger Jahre verschwindet das Wort love aus den Texten der Popsongs. Dafür wird in den Charts mehr über Sex, Gewalt und Kiffen gesungen. Man kann diesen Trend als Ausdruck einer allgemeinen Desillusionierung deuten. Nach Jahrzehnten des Liebesschmachtens wenden wir uns realistischeren Zielen zu: Sex, Freundschaft, Kinder, Karriere.

Wozu auch noch? Im Unterschied zu früheren Zeiten können Menschen heute bestens allein zurechtkommen. Ehe und Familie sind seltener zur ökonomischen und sozialen Absicherung erforderlich. Man hat zweifellos weniger Ärger, wenn man die Liebe sein lässt, und gewinnt eine Menge Zeit für andere Dinge. Sparen wir uns also den Shakespeare-Kram.

Aber so einfach ist die Sache nicht. Die Umfragen, die einen Trend zu individualisierten Lebensformen feststellen, zeigen auch, dass die Sehnsucht nach der einen, großen Liebe lebendig bleibt. Wenn es stimmt, dass die Liebe ein Grundbedürfnis stillt, dann lässt sich nicht so ohne Weiteres auf sie verzichten – zumindest wird einem dann etwas Wichtiges im Leben fehlen.

Wenn man die Liebe mit den Augen heutiger Naturwissenschaftler betrachtet, wirkt sie in der Tat nicht sonderlich attraktiv. So hat die amerikanische Anthropologin Helen Fisher, die an der Rutgers University forscht und lehrt, gemeinsam mit Neurowissenschaftlern schwer verliebte Versuchspersonen in die Röhre eines Kernspintomografen geschoben, um ihr Gehirn zu durchleuchten: manche von ihnen frisch verliebt, manche frisch verlassen, manche glücklich in einer jahrzehntelangen Beziehung. Sie sah, dass die romantische Entrückung das menschliche Zentralorgan gründlich umprogrammiert. Vor allem aktiviert die Liebe jene Areale, die in den dunklen Tiefen des Gehirns sitzen, die weit unterhalb der Schwelle des rationalen Denkens arbeiten und den Fluss des "Belohnungshormons" Dopamin regulieren. Verliebtheit ist demnach kein höherer Geisteszustand, nicht einmal ein Gefühl, sondern ein archaischer Trieb, sagt Fisher.

Die neurochemischen Veränderungen gleichen jenen, die Kokain und andere Drogen in den Gehirnen von Abhängigen bewirken. Wenn Physiologie alles wäre, dann könnte man sagen: Ein Abhängiger ist in Kokain verliebt und jemand Verliebtes abhängig von seiner oder seinem Angebeteten. Die physiologische Ähnlichkeit bleibt auch, wenn das Objekt der Begierde außer Reichweite rückt. Ob Drogenentzug oder Liebeskummer, der zerebrale Leidenszustand ist der gleiche. Helen Fisher rät daher, in Liebesdingen sorgfältig auf die Dosierung zu achten. Warum nicht eine ruhige Freundschaft statt verzehrender Liebe?

Neurophysiologisch gesehen mag es also ziemlich egal sein, ob man verliebt ist oder kokainabhängig. Doch das Nutzer-Erlebnis ist ein völlig anderes. Kokain ist nichts als eine chemische Substanz. Liebe bedeutet etwas. Liebe bedeutet alles, haben manche Leute gesagt – Jesus von Nazareth zum Beispiel. Was genau bedeutet Liebe? Das kann man auch mit dem besten Hirnscanner nicht erkennen. Bedeutungsfragen sind eher was für Philosophen.

Tatsächlich spielt die Liebe eine große Rolle in der abendländischen Philosophie. Platon hat eines seiner besten Bücher, Das Gastmahl, über sie geschrieben. Aristoteles hat seine Ethik zum großen Teil auf sie gegründet, Augustinus seine gesamte Philosophie. Wobei die meisten Philosophen das deutsche Wort "Liebe" natürlich nicht kannten, sondern die Vokabeln anderer Sprachen, die diesem Wort bloß ungefähr entsprechen. "Liebe" hat sich aus germanischen Formen des Sanskrit-Wortes lubh entwickelt, was Begierde bedeutet. Und Begierde spielt zweifellos mit in dem Gefühlscocktail, den die Liebe uns serviert.

Aber Begierde ist eben nicht gleich Liebe. Man kann begehren, ohne zu lieben, und lieben, ohne zu begehren. Die Schwierigkeit, mit der alle Versuche kämpfen, die Liebe zu verstehen, ist gerade, dass sich in ihr verschiedenste Dinge berühren, die nicht ohne Weiteres zusammenpassen: lodernde Leidenschaft und der Wunsch nach Beständigkeit; Freiheitsdrang und Sehnsucht nach Geborgenheit. Liebe soll das Göttlichste auf Erden sein, aber Sex die größte Sünde – nanu? Da gibt es einiges zu entwirren, das erkannten schon die Philosophen des antiken Griechenlands. Sie unterschieden zwischen eros, der leidenschaftlichen Liebe, und philia, der freundschaftlichen Liebe. Durch die Übersetzung der jüdisch-christlichen Schriften ins Griechische kam schließlich ein dritter Aspekt der Liebe hinzu: agape, die fürsorgliche Liebe.

Dass der Mann Toga und Sandalen trägt, findet Cheryl nicht weiter schlimm, in San Francisco muss man mit allem rechnen. Viel seltsamer ist, dass er ohne Unterlass redet, er kann einfach nicht aufhören damit. Jedes Argument wendet er hin und her.

Sobald ihm nur der kleinste Widerspruch auffällt, besteht er darauf, ihn zu klären. Und seine Fragen und Gegenfragen gehen manchmal so jäh in die Tiefe, dass einem schwindelig wird. Du kannst dir nicht vorstellen, wie geschlaucht ich bin, sagt Cheryl, ich glaube, ich brauche noch einen Long Island Ice Tea.

Der Mann, von dem Cheryl, Besucherbetreuerin bei Google, nach Feierabend ihrer Freundin erzählt, ist Platon. Am Morgen war er aufgetaucht, um sich vor seiner Lesung im Googleplex ein wenig herumführen zu lassen. Jeder, der einen seiner Dialoge gelesen hat (nicht Cheryl), hätte ihn sofort wiedererkannt: dieselbe Lust am Diskutieren, dieselbe Unfähigkeit zu Small Talk, dieselbe Neigung, vom Konkreten ins Abstrakte und vom Hundertsten ins Tausendste zu kommen.

Die Rückkehr des Fragenstellers

Da steht er nun, seit 2400 Jahren tot, und verwickelt alle, die ihm über den Weg laufen, in Diskussionen. Ihr glaubt tatsächlich, dass Wissen sich crowdsourcen lässt? Ihr seid ernsthaft davon überzeugt, dass Information dasselbe wie Wissen ist?

Und selbstverständlich würde er den Google-Leuten auch erklären können, warum das Urteil des Europäischen Gerichtshofs gegen Google ein sehr vernünftiges ist: Wenn es darum geht, das Wissen zu vermehren (und darum geht es euch doch, nicht wahr?), könnt ihr doch getrost auf das verzichten, was nicht zum Wissen gehört, auf all den Dreck und Schmutz aus der Vergangenheit, der sich bei euch angesammelt hat.

Jeden Gedanken, der ihm entgegengehalten wird, seziert Platon so lange, bis man ihm anmerkt, dass er nicht sehr weit trägt. Warum ihn die Menschen, denen er widerfährt, nicht einfach stehen lassen, liegt an seinen makellosen Manieren, und daran, dass er nicht rechthaberisch wirkt.

Er will es wirklich wissen, alles, ganz genau. Und er lernt so schnell, dass er nach einer Stunde in der Gegenwart Sätze raushaut, in denen es um Menschen geht, „deren Leben beinahe auf einem Charlie-Sheen-Niveau von Dämlichkeit stattfindet“. Das alles gibt ihm ein Charisma, dem man sich schwer entziehen kann.

Orte des (Halb-)Wissens

In der Gegenwart ausgesetzt hat Platon die amerikanische Philosophin Rebecca Newberger Goldstein. In ihrem eben erschienenen Buch „Plato at the Googleplex“ schickt sie den Mann, der die abendländische Art zu philosophieren begründet hat, an Orte, an denen das (Halb-)Wissen des 21. Jahrhunderts produziert und verhandelt wird.

Er diskutiert mit einem Google-Programmierer über die Voraussetzungen einer ethischen Suchmaschine. Er streitet bei einer Podiumsdebatte mit einer Tigermutter und einer Psychoanalytikerin über die richtige Kindererziehung („Jedes Kind, das auf Musik anspricht, spricht auf Schönheit an, und jedes Kind, das für Schönheit empfänglich ist, kann erzogen werden“).

Er verteidigt seine Idee des richtigen Lebens gegen einen zynischen Radio-Krawalltalker. Er assistiert einer Partnerschafts-Kolumnistin bei Lösungsvorschlägen für Beziehungsprobleme. Und er setzt sich dem auftrumpfenden Gerede eines Gehirnforschers aus, der ihm erklärt, der freie Wille sei nur die Illusion eines vorwissenschaftlichen Zeitalters, das noch keine Ahnung von neurologischen Prozessen hatte.

Die jeweiligen gegnerischen Positionen, die man problemlos erkennt, falls man in den letzten paar Jahren hin und wieder in eine Zeitung geguckt hat, werden von Platon außerordentlich höflich, aber recht penibel auseinandergenommen, bis von ihnen nicht sehr viel mehr übrig bleibt als der gute Wille, den Platon durchaus konzediert, und die Fakten, die empirische Wissenschaft zu finden vermag und die Platon nicht bestreitet. Aber das reicht eben noch nicht für Erkenntnis der Wahrheit.

Nicht nur ein virtuoser Spaß

Ein witzigeres philosophisches Buch hat schon lange niemand mehr geschrieben. Goldstein ist eine Philosophin mit akademischen Meriten. Die 64-Jährige hat Monografien über Spinoza und Gödel geschrieben und unter anderem an der Columbia University unterrichtet, ist aber auch Autorin von Romanen. Sie schafft es, eine sehr alte Philosophie auf eine ganz gegenwärtige Welt loszulassen.

In den Konversationen, die sich dabei entwickeln, wird klar, wie löchrig viele Annahmen sind, mit denen in aktuellen Diskussionen operiert wird, und wie oft sich Naturwissenschaftler, Pädagogen, Wissensarbeiter über die Festigkeit ihrer Positionen täuschen.

Dass Goldsteins Platon-Mimikry nicht nur ein virtuoser Spaß ist, merkt man an den Kapiteln zwischen den Dialogen, die sie den Philosophen mit Intellektuellen und Pseudo-Intellektuellen der Gegenwart führen lässt: luzide Essays, die den Forschungsstand über Platon vermitteln und in die Motive und Winkelzüge seines Denkens einführen.

Was sie betreibt, ist zwar ein Gedankenspiel, aber eines, das aufs Ganze geht. Der Platon, den sie auf uns loslässt, soll durchaus etwas beweisen: Erstens, dass Philosophie nicht so tot ist, wie es vom Informations- und Wissenschaftszeitalter oft behauptet wird; und zweitens, wie sehr der Gegenwartsmensch von ihr profitieren könnte.

Unbequeme Fragen

Natürlich liegt das vor allem an Platons Methode. Er ist ein Dialogiker um der Wahrheit willen, jemand, der dem Augenschein, der Sinnlichkeit, den Überlieferungen und Vorurteilen, denen die Gesellschaft zu glauben beschlossen hat, nicht traut. Er stellt unbequeme Fragen. Zum Beispiel, was das für eine Art Exzellenz ist, die von Pädagogen wie der „Tigermutter“ Amy Chua bei Kindern gefördert werden soll; aber auch, ob eine Erziehung, die ohne die Idee auskommt, zum Wahren führen zu wollen, tatsächlich eine gute Erziehung ist.

Oder ob wirklich jeder einfach so wissen kann, was ein gutes Leben ist, wenn man doch in allem anderen der Auskunft von Experten vertraut. Wenn es Leute gibt, die wissen, wie Zahnstellungen korrigiert werden, wieso wirkt dann die Behauptung so anmaßend, dass manche Menschen besser als andere wissen, wie man leben sollte?

In den Kontroversen, die Goldstein ihren Platon führen lässt, wird man immer wieder mit Positionen konfrontiert, die dem Laisser-faire-Gemüt des Gegenwartsmenschen gewaltig zuwiderlaufen, sich aber so leicht nicht entkräften lassen. Vielleicht, bemerkt man, ist die Toleranz der Gegenwart oft genug doch nur gedankliche Gleichgültigkeit.

Antike versus Gegenwart?

Sobald man sich auf Goldsteins Platonspiel einlässt, beginnt einem tatsächlich aufzugehen, dass man über das eine oder andere doch noch einmal gründlicher nachdenken müsste. Ganz sicher wird man dabei nicht auf die Antworten Platons kommen – sondern eher zu der Überzeugung, dass man viel weniger Antworten hat, als man dachte.

Das Angenehme an Goldsteins Buch ist es, dass es an keiner Stelle den Versuch unternimmt, die Gegenwart zu denunzieren. Der Platon, den sie zu uns schickt, hat nicht das Bedürfnis, uns zu demonstrieren, wie geistlos oder trivial wir denken, verglichen mit der Antike. Er lässt sich durchaus über alles Mögliche enthusiastisch belehren. Wenn ihm beispielsweise klargemacht wird, dass sexistische Sprache so etwas wie ein Verstoß gegen die Imperative der Logik ist, korrigiert er seinen Sprachgebrauch auf der Stelle.

Und nachdem ihm gesagt wird, dass jede Person ohne Ansehen der Person eine Person ist, spricht er nie wieder von Sklaven oder Barbaren. So, wie Goldstein ihn sich und uns vorstellt, geht es ihm nicht ums Recht-Behalten, sondern um die Liebe zur Wahrheit. Die muss sich an der Gegenwart so sehr bewähren wie diese sich an ihr, und das Aufeinandertreffen beider schlägt ein ums andere Mal Funken.

Abwehr voreiliger Behauptungen

Mit ihrem Zugang zu Platon gelingt es Goldstein, jene Fehler zu vermeiden, an denen viele philosophische Bücher leiden, die sich nicht bloß an ein akademisches Fachpublikum wenden. Diese versuchen sich oft genug nur an einer etwas kultivierteren Version der Lebenshilfe („Philosophie für Gestresste“ und Ähnliches). Oder sie beschränken sich darauf, philosophische Positionen aus ihrer Geschichte heraus begreiflich zu machen – also von Philosophie zu erzählen, statt selbst zu philosophieren.

Das dient zwar der Bildung und dem Gefühl, dass man ein kultivierter Mensch sei, der sich nicht so leicht mit therapeutischen Ermunterungen abspeisen lässt. Aber es lässt aus dem Blick geraten, worum es Philosophie gehen sollte: um die Suche nach Wahrheit und die Abwehr voreiliger Behauptungen, sie gefunden zu haben, um die Frage, wie man ein ethisch gutes Leben führen kann oder wie Gesellschaften beschaffen sein sollten, in denen das Allgemeine und das Wohl des Einzelnen einander nicht ständig in die Quere kommen.

Vor der Beschäftigung mit solchen Fragen drückt sich mittlerweile oft genug die Philosophie selbst – aus akademischer Verzettelung, aus mangelndem Selbstbewusstsein, aus der Furcht, von Naturwissenschaftlern als Sinnhuber verspottet zu werden. Zu Unrecht, wie Goldstein mit ihrem Platonbuch demonstriert: Denn ausnahmslos jeder beschäftigt sich in seinem eigenen Leben und Handeln ständig auch mit philosophischen Fragen. Deswegen wäre es durchaus hilfreich, sich zu ihrer Klärung mit Philosophen auseinanderzusetzen, weil die ja schließlich schon viele Jahrhunderte über sie nachdenken. Das klappt sogar mit Platon, einem Mann, der seit 2400 Jahren tot ist.

Sein seltsamer Eros des Fragens, seine Bereitschaft, sich auf Gespräche mit allen einzulassen, die ihm unterkommen, seine Haltung, jedes Argument, das ihm begegnet, auf seine Tragfähigkeit abzuklopfen, könnten eine Methode begründen, mit der man auch durchs eigene Leben und durch die Gegenwart kommt. Wer weiß, wie wenig er weiß, wird am Ende nicht nur zu einem schlaueren, sondern auch zu einem besseren Menschen.

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